PILOT – Vom Jäger zum Sammler

Wie das PILOT-System von Hansen den blick verändert

Es gibt diesen einen Moment beim Streetfotografieren, den fast jeder kennt: Du läufst durch eine Stadt, die Kamera griffbereit, und wartest eigentlich nur darauf, dass irgendetwas passiert. Ein Lichtblitz, eine Geste, ein Zufall, der sich vor dir zusammensetzt. Manchmal klappt das. Meistens aber kommst du nach Hause und hast fünfhundert Bilder, von denen dich keines wirklich hält.

Genau an diesem Punkt bin ich auf das PILOT-System von Siegfried Hansen gestoßen. Ein Konzept, das er seit rund 20 Jahren entwickelt und verfeinert, um genau dieses Zufallsprinzip hinter sich zu lassen. Seine These, kurz und ziemlich treffend: Wer wirklich bessere Bilder machen will, muss aufhören, ein Jäger zu sein, der auf Beute wartet und anfangen, ein Sammler zu werden, der gezielt sucht.

Ein Akronym, das mehr ist als eine Eselsbrücke

PILOT steht für fünf Begriffe, die zusammen ein kleines System für die Bildfindung ergeben:

  • Places – die Orte, die dir eine Bühne bieten

  • Inspiration – die Fragen und Trigger, die deinen Blick lenken

  • Layers – die Ebenen, aus denen sich ein Bild zusammensetzt

  • Objects – die wiederkehrenden Motive, die du sammelst

  • Themes – die übergeordneten Serien, die aus einzelnen Bildern ein Werk machen

Auf den ersten Blick klingt das nach Theorie. In der Praxis ist es das Gegenteil: eine sehr konkrete Anleitung, wie man aus einem beliebigen Spaziergang eine gezielte Bildsuche macht.

Places: Orte werden zu Bühnen

Der Hamburger Dom bietet gute Möglichkeiten sich in ein Ort einzuarbeiten und Motive vorzubuchen.

Der erste Schritt ist simpel und trotzdem entscheidend: man sucht sich bewusst Orte, die grafisch etwas hergeben. Brücken, Treppen, Durchgänge, U-Bahn-Stationen, Plätze mit klaren Linien oder Wiederholungen. Hansen empfiehlt, diese Orte mental vorzubuchen, sie bei unterschiedlichem Licht und Wetter zu besuchen und sich pro Tour bewusst für einen einzigen Ort zu entscheiden, den man dafür richtig kennenlernt.

Das ist ein Gedanke, der mir sofort eingeleuchtet hat. Wer ständig die Location wechselt, bleibt oberflächlich. Wer bleibt, fängt an, einen Ort zu lesen. Das setzt jedoch voraus, dass man öfters an diesem Ort fotografiert und ihn erleben kann. Auf Reisen bedarf das entweder gute Vorbereitung oder dann doch Spontanität.

Inspiration: Die Frage vor dem ersten Bild

Plane deine Tour doch mal nach einfachen Kriterien wie “Wo finde ich heute starke Kontraste im Motiv?”

Der zweite Baustein sind innere und äußere Trigger. Vorbilder wie Ernst Haas oder Walker Evans, aber vor allem konkrete Fragen, die man sich vor der Tour stellt. „Wo finde ich heute Kontraste?" „Wo begegnen sich Schwarz und Weiß?" Ein oder zwei klare Fragen reichen, um aus einem beliebigen Spaziergang eine gezielte Suche zu machen. Der Unterschied ist subtil, aber er verändert alles: Man geht nicht mehr raus, um zu schauen, was passiert. Man geht raus, um etwas Bestimmtes zu finden!

Layers: Das Herzstück des Systems

Wenn man Hansens Material genauer liest, wird schnell klar: Layers ist die Komponente, der er selbst die meiste Aufmerksamkeit widmet und aus gutem Grund. Es geht darum, ein Bild nicht als Fläche zu denken, sondern als Schichtung: Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund, dazu Linien, Schatten, Reflexionen, Spiegel, Glas, Gitter.

Die praktischen Übungen dazu sind für mich der eigentliche Schatz des Systems:

  • Die Drei-Ebenen-Tour: eine Stunde lang ausschließlich Motive fotografieren, die Vorder-, Mittel- und Hintergrund sinnvoll besetzen.

  • Glas und Fenster als Schichtenelement: Schaufenster, Busfenster oder Regenschirme nutzen, um Reflexion und das, was dahinterliegt, gleichzeitig scharf einzufangen am besten mit kleiner Blende ab f/8.

  • Die Layer-Box: einen einzigen Ort wählen und nur die Schichtung variieren, nicht den Standort. So merkt man plötzlich, wie unterschiedlich dasselbe Motiv wirken kann, je nachdem, was man davor oder dahinter platziert.

  • Subframing: Rahmen im Rahmen suchen wie eine Person im Schaufenster, dahinter ein weiteres Fenster mit einer zweiten Person. Kompositorisch anspruchsvoll, aber wenn es klappt, fast unwiderstehlich.

  • Die Schatten- und Linien-Challenge: gezielt nach Linien suchen, die eine Figur schneiden oder umrahmen, sodass jedes Bild mindestens eine Ebene mehr bekommt, als man auf den ersten Blick vermutet.

Das Spiel mit der Fensterscheibe ist ein Beispiel ein Objekt z.B. zu verlängern oder eine weitere Schicht zu kreieren.

Was mir daran gefällt: Diese Übungen sind keine abstrakten Regeln, sondern Trainingslager für die eigene Wahrnehmung. Nach ein paar Sessions sieht man Schichten, wo man vorher nur eine Straße gesehen hat.

Objects und Themes: Vom Einzelbild zur Handschrift

Die letzten beiden Bausteine schließen den Kreis. Bei Objects geht es darum, sich pro Tour auf ein einziges Objekt oder einen Objekttyp zu fixieren, Schatten, Türen, Fahrräder, Regenschirme und dadurch plötzlich viel mehr davon zu sehen, als einem sonst auffallen würde. Bei Themes geht es um den letzten Schritt: aus einzelnen Bildern eine Serie zu machen. „Reflexionen in der Stadt", „Farbe Rot in der Stadt", „Hamburg im Nebel". Titel, die aus einer Sammlung von Zufallsbildern ein kohärentes Projekt machen, das sich für ein Portfolio, eine Ausstellung oder ein Buch eignet.

Der Fischmarkt bietet gute Möglichkeiten für Serien mit Fokus auf eine bestimmte Farbe, ein Motiv oder auch nur Gegenstand.

Und genau darin liegt für mich der eigentliche Kern des Systems: Es macht, wie Hansen es selbst formuliert, aus Zufall Methode und aus Methode Handschrift.

Warum mich dieses System gerade jetzt beschäftigt

Als jemand, der Fotografie nicht nur als Hobby, sondern als Sprache für dokumentarisches Erzählen begreift, ist PILOT für mich mehr als eine Checkliste für die nächste Streettour. Es ist eine Erinnerung daran, dass gute Bilder selten aus Glück entstehen sondern aus der Bereitschaft, genauer hinzusehen, wiederzukommen und geduldig zu bleiben, bis sich ein Ort öffnet.

Ich wende das System immer wieder selbst an. Wie das läuft, und welche Bilder dabei entstehen, teile ich hier.

Wer tiefer einsteigen möchte: Siegfried Hansen hat sein Konzept gemeinsam mit Pia Parolin auch im Buch „Mit offenen Augen – Street Photography" (dpunkt.verlag) ausgearbeitet und bietet dazu Workshops in Hamburg, Frankfurt und weiteren Städten an.

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